„Fake News“

Ich habe nach langem Zögern mich von F.A.K.E. News interviewen lassen, einem ausgedachten Magazin für „Fragen & Antworten – Künstler erzählen…“.

FAKE: Frau Borini, Sie haben lange gezögert, auf unsere Interviewanfrage zu reagieren.

BORINI: Ich hatte vor einiger Zeit im Bekanntenkreis ein Gespräch über meine Bücher. Das bleibt nicht aus. Und dann wurde der Vorwurf erhoben, es seien alles Fake-News, die ich verbreite.

FAKE: Aber es handelt sich doch im Wesentlichen um Romane…

BORINI: Ja, die Geschichten sind fiktiv, nicht fake. Das ist ein Unterschied, den man wohl inzwischen erklären muss. Fiktion erhebt nicht den Anspruch, dass etwas real ist. Dennoch muss eine Geschichte in ihrer Struktur möglich sein. Es wird aber nicht der Anspruch erhoben, dass sie wirklich passiert ist. Fake News behaupten hingegen, dass etwas der Realität entspräche.

FAKE: Dennoch muss eine Fiktion Ihrer Meinung nach möglich sein?

BORINI: Nehmen wir die Chiòcciola-Abenteuer als Beispiel. Natürlich wird man Sanddornmarmelade auf absehbare Zeit nicht als Raketentreibstoff einsetzen können. Aber das Segeln in Raum und Zeit widerspricht prinzipiell nicht der uns bekannten Struktur des Universums – auch wenn uns noch keine Verfahrensweise bekannt ist, diese Fortbewegung konkret zu nutzen. Und innerhalb der Geschichte müssen die postulierten Gesetze dann natürlich konstant bleiben.

FAKE: Also nicht real nach unseren Maßstäben, aber auch nicht fake?

BORINI: Das Problematische an Fake News ist ja, dass es derzeit ein Kampfschrei bestimmter politischer Gruppierungen ist, der primär benutzt wird, um zu verunglimpfen. Das wird dann einfach über alles gestülpt, um Unbequemes zu diskreditieren. Das geht inzwischen in den Netzen ja soweit, dass publizierte Nachrichteninhalte mit der Frage geteilt werden, warum darüber nicht berichtet wird.

FAKE: Sie stehen den sozialen Netzen ablehnend gegenüber?

BORINI: Kritisch ist das passendere Wort. Ich habe oft jedoch das Gefühl, wir reflektieren die Inhalte nicht mehr. Das macht uns manipulierbar, auch und gerade in den Kreisen, die so oft Fake News auf den Lippen haben.

Wer Romane als Nachrichten wahrnimmt und als Fake News tituliert, der könnte irgendwann auch auf die Idee kommen, sie zu verbrennen. Dem sollten wir vorbeugen.

Aber mein aktuelles Projekt setzt sich andererseits sehr intensiv mit den neuen Medien auseinander. Die Hauptfigur ist eine Lobbyistin oder Influencerin, wie man heute sagen würde. Sie nutzt die sozialen Medien, um eine fragwürdige Kampagne zu fördern.

FAKE: O.N.-K.A.?

BORINI: Ja, das ist ein ausgedachtes Gütesiegel, das unter falsche Flagge segelt. Es soll eine Qualität vortäuschen, die nicht gegeben ist. Die nie beabsichtigt war, und von der alle – bis auf die Influencerin selbst – wissen, dass diese vorgetäuschte Qualität nie beabsichtigt war. Ich will aber an dieser Stelle noch nicht zu viel verraten.

FAKE: In ihren Büchern blitzt aber bei aller Fiktion auch immer wieder Ihre Lebenswirklichkeit durch.

Bild zeig ein blaues Auto, dessen Dach sich öffnen lässt (Roadster)
Roadster: Der blaue Zweisitzer

BORINI: Sie meinen den blauen Zweisitzer, der in manchen Büchern auftaucht? Ja, den gibt es wirklich. Er wird im Mai zwölf Jahre alt und hat über 200.000 Kilometer auf dem Buckel. Aber er macht seine Sache immer noch gut. Und dass man im Sommer sein Dach öffnen kann, macht ihn sehr charmant.

Auch den elektrisch fahrenden Geländewagen aus dem zweiten Band von Safya habe ich mir bereits in Natura angesehen. Was ihn reizvoll macht ist, dass unsere fünf Katzen bequem hineinpassen würden. – Um ihn mir aber leisten zu können, müsste ich deutlich mehr Bücher verkaufen.

FAKE: Sie haben auch im wirklichen Leben fünf Katzen.

BORINI: Ja, die fünf Katzen im aktuellen Projekt werden bewusst anders heißen, um nicht den Eindruck zu vermitteln, es wären Schilderungen aus meinem wirklichen Leben. Obwohl natürlich die Wesenszüge unserer Katzen durchaus durchblitzen werden. Genauso, wie auch der blaue Zweisitzer wieder mit von der Partie sein wird. – Die handelnden Personen entspringen aber meiner Fantasie, genauso wie die Geschichte selbst.

FAKE: Frau Borini, danke, dass Sie sich doch noch zu einem Gespräch durchringen konnten.

„Gender Kram“

Ein Interview mit einem fiktiven Magazin namens „Curiosità“, das die Neugier seiner Leserinnen und Leser befriedigen will. Es hat nichts mit Zeitschriften zu tun, die eventuell wirklich so heißen.

Die Antworten hingegen beziehen sich schon ganz konkret auf meine Bücher.

Curiosità: Frau Borini, Sie schreiben Kinderbücher, Romane, Jugendbücher. Gibt es eigentlich einen roten Faden bei Ihren Veröffentlichungen?

Borini: Grundsätzlich ’schnappe‘ ich mir ein Thema, das mir gefällt. Dennoch sind die Bücher dichter beisammen, als es zunächst den Anschein hat. Die Kinderbücher enthalten Ebenen, die wohl erst für erwachsene Vorleser erkennbar werden. Deshalb nenne ich sie auch ‚Bücher für erwachsene Kinder‘. Es ist aber nicht so, dass sie kleineren Kindern keinen Spaß bereiten.

Curiosità: Thema Jugendbücher – Die Geschichte von Annika und Chiòcciola…

Borini: Annika und Dennis sind Zwillinge, die zu Anfang der Geschichte fünfzehn Jahre alt sind und ihre Sommerferien in Brandenburg verbringen. Spannung entsteht, als Aliens vom anderen Ende der Milchstraße in ihrer Straße landen, die ihre Hilfe benötigen. Aus dieser Freundschaft entwickelt sich zwischen Annika und Chiòcciola, dem Alien, eine Beziehung. Dennis muss, um Chiòcciola zu retten, ans Ende der Milchstraße reisen und wird dort mit einer fremden Welt mit neuen Problemen konfrontiert. Er erweist sich aber als sehr geschickt, Lösungen zu finden.

Die Anfänge dieser Geschichte liegen lange zurück, über zehn Jahre vielleicht. Ich hatte eine Geschichte angefangen, aber nach drei, vier Kapiteln aufgehört. Irgendwann, das war kurz nachdem ich ‚Katzen statt Pesaro‘ veröffentlicht hatte, habe ich den vorhandenen Text einmal einer größeren Gruppe vorgestellt. Die Resonanz war eindeutig: Die Geschichte muss zu Ende erzählt werden! Also habe ich das Buch zu Ende geschrieben. Die Testleserinnen haben mich später ermuntert, die Geschichte weiterzuschreiben, also folgten Band zwei und nun Band drei. Der hat etwas länger gedauert, weil immer wieder andere Projekte dazwischenkamen.

Curiosità: Das ist als reine Jugendbuchreihe konzipiert?

Borini: Die Geschichte ist weiter gefächert. Zum einen werden die Personen von Band zu Band älter und sammeln Lebenserfahrung. Zum anderen sind die Aliens ja um den Faktor zehn älter, als Annika und Dennis von der Erde. Die Lebensspanne am anderen Ende der Milchstraße beträgt bis zu 1.000 Jahre. Aber letztlich sind die Erfahrungen, um die es geht, ja in jedem Lebensalter immer wieder neu und brennend.

Curiosità: Welche Erfahrungen konkret?

Borini: Liebe, Hass, das Lösen von Problemen, die Überzeugung anderer durch Argumente und das Reagieren auf Argumente anderer. Dazu kommt das Verhältnis von innerer und äußerer Schönheit. Und, nicht zu vergessen, der ganze Gender-Kram.

Curiosità: Gender-Kram?

Borini: Die Leute auf Chiòcchiolas Planeten leben nicht nur in frei gewählter äußerer Form, sondern die Geschlechterfrage wird erst in dem Moment entschieden, in dem es konkret um Nachwuchs geht. Der italienische Name Chiòcciola ist Programm: Wie bei den Schnecken, wird erst bei der Zeugung die künftige Rolle abgestimmt. Wer wird Mama, wer wird Papa? Das hat natürlich auf die Form der Gesellschaft und den Umgang miteinander enorme Auswirkungen. Ähnlich wie die äußere Form: Wenn man seine Form beliebig wählen kann, dann bekommt Klugheit eine ganz eigene Gewichtung. Dazu kommt die Fähigkeit, Gedanken zu lesen. Zumindest in gewissen Situationen. Es hat mir Spaß gemacht, das durchzuspielen, was solche veränderten Rahmenbedingungen auf eine Gesellschaft für Auswirkungen haben. So konnte ich auch eine in einigen wesentlichen Punkten unterschiedliche Gegenwelt entstehen lassen.

Curiosità: Was macht die Klugheit so besonders?

Borini: Wenn die äußere Gestalt beliebig ist, dann wird etwas Anderes zum Merkmal des Besonderen und damit wahrscheinlich auch zur Partnerfindung. Bei den Aliens tritt an die Stelle der Schönheit die Klugheit. Wer besonders klug ist, wirkt attraktiv auf sein Gegenüber. Dazu kommt, dass Klugheit natürlich besonders hervorspringt, wenn alle die Gedanken der Anderen kennen. Stellen Sie sich vor, was die Transparenz der Gedanken allein auf die Politik für Auswirkungen hätte.

Dennis erscheint in dieser Welt äußerst begehrenswert. Und er stellt seine Klugheit ja auch unter Beweis, indem er sich des Problems dieser fremden Welt annimmt. Und er kennt Methoden, die dort zunächst noch unbekannt sind.

Curiosità: Welche Hintergrundinformationen können Sie uns zu Safya geben?

Borini: Die Geschichte ist zunächst rein fiktiv. Bei den Aliens muss man das ja nicht ausdrücklich sagen. Safya ist Jessidin. Das Buch ist aber nicht als erschöpfende Schilderung der jessisidischen Religion zu verstehen. Das Jessidentum erschien mir als Religion, die sich über die Jahrhunderte hinweg der Gedanken anderer Glaubensgemeinschaften bedient hat, geeignet für die Geschichte. Es hätte aber auch jede andere Religion außerhalb der Konfrontationslinie Christentum-Islam sein können. Die Geschichte hätte dann halt anders erzählt werden müssen, aber hier ist ohnehin Fiktion im Spiel.

Die jessidische Religion hatte für mich den Charme, dass ich den religionswissenschaftlich arbeitenden Vater relativ spannungsfrei einfügen konnte. Der erschien mir notwendig, um dieser altklugen Zwölfjährigen eine Quelle für ihr Wissen glaubhaft zuschreiben zu können. Und die Hauptfigur musste sich an der Grenze der Pubertät befinden, damit der Spannungsbogen im zweiten Band möglich wurde.

Primär geht es natürlich um eine Person, die unbeteiligt in eine Grenzlinie zwischen zwei Parteien gerät, in den Mittelpunkt eines Konflikts gelangt, der nicht der eigene ist. Und, letztlich um Hass und dessen Auswirkungen.

Curiosità: Deswegen endet die Geschichte auch auf der Intensivstation?

Borini: Ja, ich wollte nicht auf den letzten Seiten schreiben, dass alles wieder gut ist, nur um ein ‚Happy End‘ zu bekommen. Hass ist Gewalt, und Gewalt tötet potentiell. Dass sollte so mit seinen Konsequenzen klar herauskommen.

Ich habe mich aber frühzeitig bemüht, zu kommunizieren, dass es einen zweiten Band geben wird.

Curiosità: Ist das für die Leser nicht eine Zumutung?

Borini: Für die Leser, die auf den zweiten Band warten mussten, vielleicht. Aber nun sind ja beide Bände erschienen, und man kann gleich weiterlesen. Für die geplante Theaterfassung ist das natürlich ein Problem.

Curiosità: Es ist eine Theaterfassung geplant?

Borini: Ich arbeite mit einer engagierten Berliner Laien-Theatergruppe zusammen, die gewillt ist, das Stück auf die Bühne zu bringen. Hier müssen wir natürlich einen Kniff anwenden. Ich kann die Zuschauer nicht mit einer Safya auf der Intensivstation nach Hause schicken. Beide Bände bieten andererseits auch zu viel Stoff für eine Vorführung. Wir werden uns also etwas überlegen müssen…

Curiosità: Die Theaterfassung wird sich also von dem Buch unterscheiden?

Borini: Ja, es wird weniger Reisen geben, alles andere ist für eine kleine Theatergruppe auf einer einfachen Bühne nicht realisierbar. Aber das Grundthema wird das gleiche bleiben.

Curiosità: Katzen. In allen Ihren Büchern tauschen Katzen auf?

Borini: Ja, selbst in der Welt auf der anderen Seite der Milchstraße sind katzenartige Wesen zuhause. Katzen sind in meinem Leben sehr wichtig. Als Jugendliche wollte ich immer einen Hund haben. Aber inzwischen wäre ein Hund nicht so gut in mein Leben zu integrieren. Zumindest, wenn man ihm gerecht werden wollte. Katzen sind da völlig unproblematisch. Ich bin ein wichtiger Bezugspunkt in deren Gemeinschaft und Leben, aber sie sind nicht am Boden zerstört, wenn ich einmal keine Zeit habe. Da sind natürlich fünf Katzen von Vorteil, Langeweile kommt da nicht auf.

Ein einschneidendes Erlebnis während eines besonderen Sommers vor ein paar Jahren, in dem viele Ereignisse mit unseren Katzen auf mich eingeströmt sind, war ja auch der Auslöser für ein Buch, das ich als E-Book ohne Verlag veröffentlicht habe: ‚Katzen statt Pesaro‘. Später kam es noch als gedrucktes Buch heraus, nachdem ich so oft darauf angesprochen worden war. Danach, als der Damm gebrochen war, habe ich mir alte Fragmente auf meinem Computer angesehen, die dann als Keimzellen für weitere Bücher dienten, zunächst die Aliens. Dann kamen neue Ideen, die ich verwirklicht habe. Aber letztlich hat alles mit den Katzen angefangen.

Curiosità: Tatin?

Borini: Tatin ist keine Frage, sondern ein Name. Ein Spitzname, genau genommen.

Curiosita: Was macht Tatin so besonders?

Borini: In ‚Tarte Tatin & Rébellion‘ ist ein anderer Aspekt von Gender/Geschlecht vorherrschend. Bei den Aliens spielt die Geschlechtlichkeit und Familienplanung eine große Rolle, bei Safya wird das Thema Beziehung und kurz auch Intersexualität angesprochen. Bei Tatin stehen gesellschaftliche Aspekte im Vordergrund. Und natürlich die Frage, wie die jeweilige Person diese gesellschaftlichen Normen für sich selbst interpretiert. Das muss nicht zwingend deckungsgleich sein und ist ja immer auch ein Wechselspiel mit den Personen im persönlichen Umfeld.

Hier haben sich zumindest viele Leserinnen mit ihren Erfahrungen wiedererkannt. Die Person der Adeeba in den Safya-Büchern hingegen hat mitunter für Irritation gesorgt. Dabei ist zum Beispiel das Thema AIS, eine Krankheit, bei der männliche Sexualhormone nicht, oder nur bedingt wirken, gar nicht so ein Randgruppenthema, wie man zunächst vermutet. Und, wenn man ehrlich ist, sollte es im 21. Jahrhundert überhaupt kein Tabuthema mehr sein.

Wichtig ist mir dabei, dass in meinen Büchern Charaktere auftauchen, die derartige Aspekte thematisieren, die aber nicht über diese Themenkomplexe charakterisiert werden. Diese Protagonisten meiner Bücher sind ganz normal Handelnde in den Geschichten. Man könnte eventuell den Aspekt sogar weglassen. Aber das Leben ist bunt. Und in Gender-Fragen bunter, als manch einem vielleicht lieb ist. Wir werden in solchen Fragen aber nur weiterkommen, wenn wir mit dem schwarz/weiß-Malen und dem Schubladendenken endlich aufhören.

Curiosità: Die Personen in Ihren Büchern gehen mit den Gender-Themen sehr offen und wohlwollend um. Ist das wirklich Ihre Erfahrung?

Borini: Bei Safya war die gleichgeschlechtliche Partnerschaft zwischen Maren und Melanie wichtig, denn sie dient am Schluss des ersten Buchs als Kristallisationspunkt für den Hass. Ansonsten wird man beim Lesen feststellen, ist eigentlich alles schrecklich normal, was in dieser Partnerschaft passiert. Man könnte einen der Namen auch mit Peter oder Olaf austauschen.

Curiosità: Stört sie der Vorwurf, wenn man behauptet, Ihre Bücher seinen weichgespült?

Borini: Die Welt, in der wir leben, ist voller Probleme. Ich finde, mitunter ist es auch einmal ganz hilfreich, wenn aus diesen riesigen Bergen einmal kleine Hügel werden, die die Hoffnung wecken, dass man sie übersteigen kann. Und bei genauerer Betrachtung agieren die Charaktere ganz normal und suchen kreative Lösungen für ihre jeweiligen Probleme. Sie sind jedenfalls nicht im Bannkreis ihrer möglichen Gender-Problematiken gefangen.

Ich habe zudem im Leben die Erfahrung gemacht, dass alles kommunizier- und vermittelbar ist, wenn man offen auf die Menschen zugeht und ihre Bedenken und Ängste ernst nimmt. Menschen sind eigentlich eine richtig tolle Schöpfung. Sie benötigen vielleicht mitunter einen kleinen Stupser in die richtige Richtung. Mir liegt es näher, etwas zu schildern, wie es ein sollte, als das, was offenkundig falsch läuft, auch noch zu verstärken. Das tun andere doch schon zur Genüge…

… und noch ein ganz wichtiger Aspekt: Die Bücher sollen schließlich unterhalten. Wenn zwischen den Zeilen auch noch andere Gedanken eine Rolle spielen, dann ist das ein schöner Nebeneffekt. Aber auch ohne diese tieferen Gedankengänge sollen die Geschichten lesbar und unterhaltsam sein!

Curiosità: Frau Borini, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Hintergrundinfo zu Safya

Safya ist ein zwölfjähriges jessidisches Mädchen, dass nach dem Tod ihrer Eltern aus Mossul zu ihrer Tante nach Berlin kommt. Leider muss sie die Pflege zunächst aus gesundheitlichen Gründen an ihre ehemalige Klassenkameradin delegieren.

Eigentlich ist Safya ein ausgesprochen altkluges Mädchen, so wie sie über Gott und die Welt spricht. Mit ihrem kindlichen Vertrauen und der von ihrem Vater geschulten Kenntnis über Religionen provoziert sie gleichermaßen Sympathie und Hass. Als der Hass eskaliert, endet ihre Kindheit auf der Intensivstation.

Fünf Jahre später, die Kindheit ist im Koma verschlafen, muss Safya sich zurückkämpfen. Vieles hat sich verändert, nicht nur ihr Körper. Der ursprüngliche Wunsch, wie ihr Vater Professor zu werden, scheint in weite Ferne gerückt. Immer noch sehr klug, bereitet es ihr Schwierigkeiten, Neues zu verarbeiten. Und der ihr fremde, erwachsene Körper verstört sie nachhaltig.

Ein Urlaub in den Bergen soll ihr neue Kraft geben und dann begegnet sie Paul, der sein Leben nach einem tragischen Unfall ebenfalls neu gestalten muss.

Dieses kindliche Gemüt im Körper einer erwachsenen Frau fasziniert und verstört Paul gleichermaßen. Und doch schaffen es beide, sich gemeinsam neue Perspektiven zu erkämpfen.

Die Chiòcciola-Saga

Öde, wenn man in den großen Ferien in der brandenburgischen Pampa gestrandet ist, findet Annika. Gerade mit fünfzehn will man nach den Ferien doch von aufregenden Erlebnissen im Urlaub erzählen! – Alles ändert sich, als sie überraschend Nachbarn vom anderen Ende der Galaxis bekommt…

Natürlich geht es in diesen bisher zwei Bänden um Weltraumabenteuer, um ein bisschen Naturwissenschaft, amüsant lesbar verpackt. Aber es geht unterschwellig auch um etwas ganz anderes. Denn sowohl das Verhältnis zum Zwillingsbruder Dennis als auch die Liaison mit dem Alien Chiòcciola wirft Fragen auf. Fragen zum eigenen Ich, zum Rollenbild innerhalb der Familie und Gesellschaft, zu eigenen Erwartungen an die Zukunft, zur Zielperson der Liebe.

Das mit den Frauen und Männern ist doch schon kompliziert genug. Um wie viel komplizierter wird es dann, wenn dann auch noch ein Alien ins Spiel kommt?

Ein Alien, bei dem die Grenzlinie zwischen männlich und weiblich nicht so verläuft wie bei uns, sondern bei dem – ähnlich wie bei den Schnecken – diese Frage im Vollzug der Familienplanung erst abgestimmt wird. Das ergibt dann in Chiòcciolas Welt eine gänzlich andere Gesellschaftsituation, denn die Gender-Frage stellt sich dort ganz anders.

Und somit hilft Chiòcciola dann auch Annika und Dennis, einen frischen Blick nicht nur auf all diese Gender-Fragen dieser Welt zu bekommen.

Im gerade erschienen dritten Band kommt Jill ins Spiel, das gemeinsame Kind. Ähnlich dem in unserer Welt bekannten AIS-Syndrom ist Jill anders. Jill ist weder erkennbar männlich, noch weiblich. Das wirft eine Menge Fragen auf, insbesondere seit der Einschulung!

Und wenn solch eine erzählte Fiktion in unserer realen Welt bei Facebook beworben wird, dann kommt so etwas dabei heraus:

“Deine Werbeanzeige konnte nicht genehmigt werden, da sie ein Körperideal darstellt. Bilder, die einen bestimmten Körpertyp als perfekt oder wenig wünschenswert zeigen (z. B. mit dem Fokus auf Bauchmuskeln oder Bauchfett), sind nicht zulässig. Erfahre mehr über unsere Werberichtlinien”

Das zeigt mir, dass solche Erzählungen auch im 21. Jahrhundert notwendig sind, um zu zeigen, dass weder unsere, noch andere vorstellbare Welten nur schwarz oder weiß sind. Dass eine Welt nur erstrebenswert ist, wenn sie viele Schattierungen zulässt. Aber das ist wohl Fiktion und sollte vielleicht auch nicht beworben werden. – Ehe noch jemand nachdenkt…

Ach ja, das angemahnte Video:

“Alien, Muter, Kind -Der 3. Band der Chiòcciola-Reihe ist gerade erschienen!”

Dann werden die drei Titelseiten der Bücher eingeblendet: Haus, Milchchtraße, Herzchen…

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Nachtrag 11. Februar 2018: Zwischenzeitlich konnte die Angelegenheit doch einvernehmlich geklärt werden. Es zeigt aber, wie labil unser mediales System mitunter agiert.

Tatin und der ganze Gender-Kram

Tatin erfährt Wertschätzung von ihren Kollegen, aber auch Zurücksetzung im engeren Team. Diesen Widerspruch zu erkennen, bedarf es eines Kristallisationspunktes.

In Dr. Horst Hübscher begegnet Tatin ein „Waffenmeister“, der ihr Methoden und Techniken an die Hand gibt und sie ermutigt, sich dem Kampf zu stellen.

Tatin stellt sich der Herausforderung, und beginnt mit ihrem Team-Kollegen Eric um die freiwerdende Position des Teamleiters Ludgar zu konkurrieren.

Die Ereignisse eskalieren, und als sich der Rauch verzogen hat, eröffnen sich überraschend neue Horizonte.

Soweit der Spannungsbogen der Geschichte: Eine Frau wird im Berufsleben ausgebremst. Muss man zum Beginn des 21. Jahrhunderts diese Geschichte erzählen, unabhängig davon, ob sie lesenswert und unterhaltsam ist?

Sind wir als Gesellschaft nicht inzwischen weiter? Ist dieser Gender-Kram nicht inzwischen „Schnee von gestern“? Wir werden in gemischtklassigen Schulen auf ein Berufsleben vorbereitet, in dem Männer und Frauen gemeinsam die Probleme im Job lösen. Und wer sich hier besonders qualifiziert, kommt im Unternehmen voran. So ist das doch, oder?

Werben wir nicht explizit dafür, dass Mädchen sich für die MINT-Studiengänge interessieren? Stehen ihnen nicht alle Chancen offen, anders als an anderen Orten, auf die wir so gern mit den Finger zeigen?

Nur eine amüsante Geschichte also? – Gut, ich will die Frage einmal so beantworten:

Wenn ich die Geschichte von Tatin, Eric, und Ludgar plausibel und spannungsfrei andersherum erzählen könnte: Teamleiterin und hypochondrische Kollegin bremsen engagierten und kompetenten Kollegen aus und verhindern sein berufliches Weiterkommen, dann wäre es wirklich nur eine amüsant zu lesende Geschichte…
Und weil mir derzeit so einen Spannungsbogen kein Leser glauben würde, hat „Tarte Tatin & Rébellion“ eben noch eine andere Dimension.